Die schwarz-weisse Welt der Borderline-Persönlichkeit ~ Abwehrmechanismen ~ www.blumenwiesen.org ~ Monika Kreusel

Die schwarz-weisse Welt der Borderline-Persönlichkeit ~ Abwehrmechanismen ~ www.blumenwiesen.org ~ Monika Kreusel

Hier geht es um die schwarz-weisse Welt von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und um ihre spezifischen Abwehrmechanismen.

    Ich habe nur beste Freunde, ich weiß von einer Sekunde auf die andere, wer mir wirklich nah und seelenverwandt ist, und den oder die will ich dann auch ganz für mich haben. Vielleicht ist das der Grund, warum meine Beziehungen immer nur so kurz halten. Scheiße ist bloß, dass es immer mit Krawall auseinander gehen muss. Aber wenn bei mir etwas vorbei ist, dann ist es definitiv vorbei, lieber ein Ende mit Schrecken... (Günter Niklewski u. Rose Riecke-Niklewski, 2003, S. 19)

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leben in einem ständigen Dilemma. Sie haben große Schwierigkeiten und Angst, alleine zu sein, wünschen sich schnell intensive Nähe und, dass sie liebevoll umsorgt werden. Bekommen sie die ersehnte Nähe, wird es ihnen schnell zu eng, sie haben Angst verschlungen zu werden. Zudem fält es ihnen schwer, andere Menschen und auch sich selbst als jemanden mit gleichzeitig guten und negativen Eigenschaften wahrzunehmen. Ein Freund oder auch der Therapeut kann sehr schnell Retter sein, ein Engel auf Erden mit nur guten Eigenschaften, kurz darauf jedoch der Teufel in Menschengestalt. So haben sie immer wieder sehr intensive Beziehungen, die genauso schnell zu Ende sein können. Oder die Beziehungen halten lange an, sind aber gekennzeichnet von intensiver Nähe und heftigen Auseinandersetzungen mit kurzzeitigen Trennungen und ebsnso schneller Wiederannäherung.
Den jeweiligen gesunden Partnern oder Freunden ist das oft schwer nachvollziehbar. Entweder sie reagieren enttäuscht und ziehen sich zurück, oder sie verhalten sich übertrieben rücksichtsvoll (Ingrid Sender, 2000, S. 14).
Menschen mit einer Borderline-Störung gelingt es immer wieder, andere Menschen für sich zu gewinnen und Beziehungen einzugehen. Das trifft jedoch nicht auf alle Betroffenen zu. Nicht selten ist der Therepeut die wichtigste Bezugsperson und dann verhalten sie sich in der Therapie sehr anhänglich und weitaus zuverlässiger als Patientinnen, die verschiedene für sie als zuverlässig erscheinende Beziehungen haben (Marsha Linehan, 1996a, S. 96).

In der Psychoanalyse bezeichnet man den Wechsel von Idealisierung und Entwertung als Spaltung. Das ist ein Abwehrmechanismus von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Bei gesunden Menschen kann es in besonders belastenden Situationen vorübergehend auch zu Spaltung und Abwertung kommen, bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung jedoch bestehen die borderlinetypischen Abwehrmechanismen jedoch dauerhaft (Birger Dulz u. Anegla Schneider, 2004, S. 34).

Jeder Mensch zeigt Abwehrmechanismen, sie sichern ein psychisches Überleben. Das hat grundsätzlich mit psychischen Störungen erstmal nichts tun. Jedoch zeigen beispielsweise Borderline-Patienten im Gegensatz zu gesunden Menschen durchgängig unreife Abwehrmechanismen, die ihre Beziehungen prägen. Reife Abwehrmechanismen stehen ihnen, besonders in schwierigen Situationen nicht zur Verfügung (Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S. 34). Viele Borderline-Patientinnen befinden sich in einem andauernden Krisenzustand, ihre selbstschädigenden und destruktiven Verhaltensmuster können als Reaktion auf eine überwältigende und chronische Krise gesehen werden (Marsha Linehan, 1996a, S. 64).

In den ersten Lebensmonaten erlebt sich ein Baby mit seiner Mutter und seiner Umwelt als abgeschlossene Einheit, mit der es verschmolzen ist. Es hat noch keine eigenen Ich-Grenzen. Gelingt dem Baby nicht, solche Grenzen zu entwickeln und sich als eigenständiges von der Umwelt getrenntes Wesen zu erleben, so wird es diese Grenzen auch später im Erwachsenenalter nicht entwickelt haben und könnte, wenn weitere Faktoren dazu beitragen später an einer Psychose erkranken. So wird der oder die Betroffene möglicherweise seine eigenen Gedanken nicht als frei und unabhängig von anderen Menschen erleben und davon überzeugt sein, im Fernsehen oder Radio werde über ihn oder sie berichtet und seine oder ihre Gedanken öffentlich gemacht (vgl. Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S. 34).

Der nächste Entwicklungsschritt, den ein Baby vollzieht, ist der, dass es sich zunehmend als getrennt von anderen Menschen erlebt und nicht zunehmend weniger verschmolzen ist mit der Umwelt, mit dem Ziel, dass eine Differenzierung zwischen dem Selbst und dem Objekt erreicht wird. Dieses Zwischenstadium entspricht der späteren möglichen Entwicklung einer Schizotypischen Persönlichkeitsstörung.

    Weiter wird wesentlich deutlich, dass der wesentliche Unterschied zwischen Borderline- und schizotypischer Persönlichkeitsstörung darin gesehen werden kann, dass letztere vor allem durch eine weniger ausgearbeitete Differenzierung zwischen Selbst- und Objekten bestimmt ist, über die Borderline-Patienten bereits verfügen sollen (Peter Fiedler, 1997, S. 231).

Borderline-Patienten dagegen haben eigene Ich-Grenzen weitgehend entwickelt, weshalb sie nur in Krisensituationen und dann nur kurzfristig psychotisch reagieren (Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S. 34). Was sie jedoch nicht gelernt haben, ist, dass ein Mensch gleichzeitig gute Eigenschaften hat und negative. Dass jemand eine Bitte abschlagen kann und trotzdem ein liebenswürdiger Mensch bleibt. Zur Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörungen gehört mehr als dieser Mechnismus der Spaltung, jedoch ist es ein wesentliches Markmal der Störung.

Die Spaltung dient der Reduzierung von Angst.

    Wenn jemand entweder nur gut ist oder nur böse, dann ist er einzuordnen, dann sind die Verhältnisse klar, dann gibt es keine innere Irritation, dann nimmt die Angst ab (Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S. 35).

Zur Spaltung zugehörig ist die primitive Idealisierung, bei der Menschen als ausschließlich nur gut erlebt und wahrgenommen werden, egal wieviele Flecken der jenige auf seiner weißen Weste hat. Oder wie wenig die Patientin ihn überhaupt kennt. So kann eine Borderline-Patientin den neuen Therapeuten als ihren Retter empfinden, der ihr endlich hilft (und nur er), bis sie Eigenschaften bemerkt oder Begrenzungen in der Beziehung erlebt, die das zuvor idealisierte Bild, das nicht der realen Person entsprach ins Gegenteil umkippen lässt. Das lässt sich vielleicht erklären mit einem gesunden Menschen, der sich verliebt hat und im Laufe der entstandenen Beziehung Eigenschaften an der Partnerin oder am Partner entdeckt, die er als weniger erfreulich oder negativ empfindet. Ein gesunder Mensch wird diese neu entdeckten negativen Eigenschaften in sein bisheriges vorwiegend positives von Verliebtsein geprägtes Bild des Partners oder der Partnerin integrieren und akzeptieren. Eine Borderline-Patientin, das trifft auf männliche Betroffene natürlich auch zu, wird diese von ihr als schlecht beurteilten und neu entdeckten Eigenschaften nicht in ihr bisheriges nur positives Bild integrieren, sondern mit völliger Entwertung reagieren. Ebenso kann es dem Therapeuten ergehen, wenn eine Borderline-Patientin festellen muss, dass er nicht alle ihre Probleme lösen kann oder er ihr Grenzen setzt. So liegen primitive Idealisierung und Entwertung nahe beieinander.


Ein weiterer Abwehrmechanismus bei Borderline-Patienten ist die Projektive Identifizierung. Dabei werden eigene, vor allem aggressive Anteile auf das Gegenüber projeziert, gleichzeitig aber ein Einssein mit dem Betreffenden empfunden. Das führt dazu, dass der Borderline-Patient den anderen Menschen, auf den er seine Aggressionen projeziert hat und mit dem er sich eins fühlt, mit allen Mitteln kontrollieren und möglicherweise angreifen muss.

    Der eigene Hass wird dem anderen unterstellt, dieser dann nicht selten sogar dazu gebracht, den projizierten Hass seinerseits zu erleben und entsprechend zu handeln. Der Betroffene vermag sich somit als Opfer von dessen Hasses zu sehen und schützt sich hierdurch vor den Schuldgefühlen wegen der eigenen Aggressivität (Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S.38).

Bei zunehmender Reifung ist auch das Projizieren 'guter' Anteile möglich (Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S. 39) , was sich in bei den Betroffenen beispielsweise in dem Wunsch nach einem helfenden oder sozialen Beruf zeigen kann.

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können trotz ihres Bedürfrnisses nach völliger Versorgung und Lösung ihrer Probleme durch andere Menschen Abhängigkeit von Menschen nicht ertragen, die sie, wenn sie sich in Abhängigkeit zu ihnen begäben, verlassen könnten. So ziehen sie sich zurück in eine Welt der Größenfantasien, in der sie trotz zu erwartender erheblicher Probleme diese ignorieren und alles ohne Schwierigkeiten lösen können. Sie erleben sich als omnipotent und entwerten andere Menschen, die es ihnen als nicht wert erscheinen, mit ihnen in Kontakt zu treten. Das wird besonders auch bei der Lösung alltäglicher Schwierigkeiten deutlich. Der Absturz in die völlige Selbstentwertung ist absehbar, denn erstens haben sie für die jeweilige völlig unterschätzte Situation keine angemessenen Problemlösungsstrategien entwickelt und zudem macht letztenendes nicht selten ihre aktive Passivität ihnen einen Strich durch die Rechnung. Denn sie können zwar kompetent erscheinen, lösen jedoch ihre Probleme nicht aktiv selbst, sondern erwarten dies von anderen Menschen. Es dürfte kam verwundern, dass dies ein weiteres Dilemma von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist.

Damit die Spaltung aufrecht erhalten werden kann entgegen für sie sprechender Tatsachen, setzen Borderline-Patienten den Abwehrmechanismus der Verleugnung ein. Das machen sie natürlich nicht bewusst und absichtlich. Man kann den Betroffenen also keinesfalls vorwerfen, dass sie lügen in einer solchen Situation. Sie blenden die Tatsachen, die gegen die primitive Idealisierung oder Entwertung sprechen aus, diese Tatsachen und Gefühle sind in dem Moment nicht abrufbar für sie. Das kann bedeuten, dass eine Patientin ihre offenkundig gewalätigen und alkoholabhängigen Eltern idealisiert und ihre traumatisierenden Erfahrungen verleugnet. Im umgekehrten Fall ist es auch möglich, dass eine Patientin entegen entegegengebrachter Hilfe meint, niemand kümmere sich um sie. Das kann eine Therapie belasten, wenn sie dann immer wieder selbstschädigendes Verhalten einsetzen muss, um auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Umso mehr wird dies eine Partnerschaft oder Freundschaft belasten. Eine solche Situation kann beispielsweise entstehen, wenn die Betroffene in ihrer Kindheit in ihrem leid nicht wahrgenommen wurde (vgl. Birger Dulz u. Angela Schneider, 2004, S.41).

Literatur:
Dulz, Biger; Schneider, Angela; Borderline-Störungen, 2004, Nachdruck der 2. Auflage (1996), Schattauer
Fiedler, Peter; Persönlichkeitsstörungen, 1997, 3. Auflage, Beltz Psychologie Verlags Union
Linehan, Marsha; Dialektisch Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung, 1996a, CIP-Medien
Niklewski, Günter; Riecke-Niklewski, Rose; Leben mit einer Borderline-Störung, 2003, Trias
Sender, Ingrid; Ratgeber Borderline, 2000, CIP-Medien



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Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 01.12.2019

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